Churchill, Manitoba: Die Hauptstadt der Eisbären

16.02.2018

Haben Sie schon einmal einen Eisbären gesehen? Wahrscheinlich schon – jedenfalls im Fernsehen, in einer Zeitschrift oder vielleicht im Zoo. In freier Wildbahn ist es jedoch gar nicht so einfach, ja fast unmöglich, einem dieser mächtigen Polarzonenbewohner zu begegnen. Einer der wenigen Orte weltweit, an denen man aber genau dies erleben kann, ist Churchill im Norden der kanadischen Provinz Manitoba, gut zwei Flugstunden von der Hauptstadt Winnipeg entfernt. Am Ufer der Hudson Bay warten die bis zu 500 Kilogramm schweren Raubtiere jedes Jahr zwischen Oktober und November darauf, dass das Wasser gefriert, um zum ersten Mal seit dem Sommer wieder direkt über das Eis näher an ihre Leibspeise, die Robben, zu kommen. In dieser Zeit können sich bis zu 900 Eisbären in der Umgebung aufhalten – genauso viele Menschen leben in Churchill. Und deshalb gehören sie hier auch zur Tagesordnung. Nicht umsonst nennt sich der Ort „Welthauptstadt der Eisbären“. 

 

 

 

Überall in und um Churchill stehen angesichts der ständigen Gefahr, dass ein Eisbär auf Durchreise den Menschen zu nah kommt, entsprechende Warnschilder. Touristische Hotspots wie die historische Cape Merry Battery oder die Prince of Wales Fort National Historic Site an der Einmündung des Chuchill River in die Hudson Bay werden von bewaffneten Rangern bewacht, und keine Haus- oder Autotür im Ort ist verschlossen, sollte man sich einmal schnell in Sicherheit bringen müssen. Sind die Einheimischen das Leben mit den weißen Riesen seit jeher gewöhnt, so sind Touristen dringlich angehalten, z.B. nach Einbruch der Dunkelheit im Hotel zu bleiben oder nur mit einem bewaffneten und ortskundigen Begleiter vor die Tür zu gehen. Wussten Sie, dass Eisbären so schnell wie Pferde sind? Deshalb geht man auch tagsüber nicht auf eigene Faust auf Bärenbeobachtung. Die sicherste und gleichzeitig bequemste Methode ist ein „Tundra Buggy“, eine Art riesiges Offroad-Gefährt, in dem man aus gut 2,5 Metern Kabinenhöhe alles perfekt im Blick hat und nicht zur Zielscheibe eines hungrigen, wilden Tieres wird. 

 

Mitte Oktober. Die Tundra ist bereits weiß angezuckert und die Temperaturen gehen Nacht für Nacht weiter zurück. Bereits bei der Ankunft am Flughafen wird uns die ständige Präsenz der Eisbären verinnerlicht. Das erste Warnschild steht bereits in der Ankunftshalle. Kurz hinter dem Flughafen halten wir auf dem Weg in die Stadt beim „Bärenknast“, in dem ungebetene Eisbärenbesucher, die mit speziellen Lebendfallen gefangen werden, zunächst 30 Tage ohne Nahrung (nur mit Wasser) gefangen gehalten und in Folge in unbewohnte Gegenden ausgeflogen werden. Die Gefangenschaft soll bewirken, dass die Tiere nicht noch einmal in die Stadt zurückkehren, was jedoch nicht immer funktioniert. 

 

Unser Busfahrer klärt uns auf, dass bis vor einigen Jahren der Tourismus in Churchill eher nebensächlich war. Der Handel war seit jeher verantwortlich dafür, dass hier überhaupt Menschen lebten. Bevor die Europäer in die Gegend kamen, wurde das Land von indigenen Völkern zur Jagd genutzt. Die Pre-Dorset-Kultur (1700 v. Chr.) lebte einen halbnomadischen Lebensstil, jagte Karibu im Sommer und Robben im Winter. Ihnen folgte um 600 v. Chr. das Volk der Dorset, Mitglieder der „Arctic Small Tool Tradition“. Die Thule, die das Dorset-Volk um 1000 n. Chr. vertrieben, sind die direkten Vorfahren der heutigen Inuit. Lange vor der Ankunft der Europäer verfügten die Cree, Dene und Inuit bereits über gut etablierte Handelsnetzwerke. Die ersten Europäer, die einen Fuß auf das Land an der heutigen Hudson Bay setzten, gehörten zur Crew des englischen Entdeckers Henry Hudson, der 1610 mit seinem Schiff „Discovery“ die Nordwestpassage suchte. Das Schiff wurde im November vom Eis eingeschlossen und die Crew überlebte bei durchschnittlich -21°C am Tag und -29,2°C in der Nacht mehr schlecht als recht an Land. Nachdem dreizehn Mitglieder seiner Besatzung meuterten, wurde Hudson mit seinem Sohn und einigen Seeleuten in einem kleinen Boot ausgesetzt. Ihr Schicksal ist bis heute unbekannt. Als nächstes erkundeten in den 1660er Jahren französische Pelzhändler das Gebiet. Der 1670 in London gegründeten Firma „The Governor and Company of Adventurers of England trading into Hudson‘s Bay“ wurde bald eine riesige Landfläche zugesprochen, die sich bis in die heutigen USA erstreckte. Heute die älteste Handelsgesellschaft der Welt, betrieb die „Hudson Bay Company“ daraufhin eine Reihe von Handelsposten (genannt „Factories“), an denen sie Pelze von den Inuit kaufte. Fort Churchill wurde 1717, Fort Prince of Wales 1731 erbaut. Befestigungen waren nötig, da es sowohl mit den Franzosen als auch den Amerikanern zu Streitigkeiten kam. Durch den Niedergang des Pelzhandels im späten 18. Jahrhundert ging es auch mit Churchill rapide bergab – bis ein Hafen 1931 für den Getreideversand eröffnet wurde. Die Hudson Bay Railroad verbindet Churchill seitdem mit den großen Weizenebenen in Manitoba und Saskatchewan sowie den USA. Der Rückgang des Permafrosts machte über die Jahre allerdings eine Instandhaltung der Bahnstrecke wirtschaftlich fast unmöglich. Trotz der Öffnung einer eisfreien Nordpassage führten die steigenden Transportkosten dazu, dass der am Ende privat geführte Hafen in den letzten Jahren um sein wirtschaftliches Überleben kämpfen musste und 2016 gar geschlossen wurde. Kanadas einziger arktischer Hafen beschäftigte zehn Prozent der Arbeiter der Stadt. Im Moment wartet man auf einen neuen Käufer. Zusätzlich zum Handel war ab dem Zweiten Weltkrieg auch das Militär ein wichtiger Arbeitgeber für Churchill. Das neue Fort Churchill wurde 1942 etwa zehn Kilometer östlich des Orts, ganz in der Nähe der gleichnamigen historischen Befestigungs-anlage gebaut. Es wurde im Zweiten Weltkrieg von der US-Luftwaffe als Teil der Crimson Route, einer Überseeroute zur Unterstützung der alliierten Streitkräfte in Europa, errichtet. Nach dem Ende des Weltkriegs wurde es zum Ausbildungszentrum der kanadischen Luftwaffe. Wie auch ein amerikanisches Raketentestgelände in der Nähe, schloss man die Anlage allerdings am Ende des kalten Krieges um 1980. Pläne, das Raketentestgelände als Spaceport Canada in den 1990er Jahren wiederzueröffnen, scheiterten. Bei diesen Schließungen gingen Tausende Arbeitsplätze für immer verloren. Und jetzt, da der Hafen ebenfalls geschlossen ist und die Züge nicht mehr fahren, wird der Tourismus für die Bewohner Churchills immer wichtiger.

 

Wir übernachten im Tundra Inn. Schon in der ersten Nacht klopft es an der Tür. „Want to see the Aurora?“ Wir stehen auf und laufen ans nahegelegene Ufer. Mit dabei natürlich ein Guide mit Waffe, sollte ein Eisbär unseren Weg kreuzen. „Stay close together and keep your eyes open“. Wir machen ein paar Fotos der grünlich schimmernden Himmelslichter, doch angesichts der -25 Grad (und des Jetlags und der Ungewissheit, ob nicht doch ein paar Bären nach einem Mitternachtssnack suchen) will keiner zu lange draußen bleiben und es geht schnell zurück ins warme Hotelbett.

 

Unsere Tundra Buggies von Frontiers North warten am nächsten Morgen rund 30 Kilometer östlich von Churchill in der Nähe des Northern Studies Centre. Hier treffen Meer, borealer Wald und Tundra aufeinander und bieten einer enormen Vielfalt an Pflanzen, Vögeln und Säugetieren (und menschlichen Kulturen) einen idealen Lebensraum – perfekt nicht nur für Buggyfahrten mit Besuchern aus aller Welt, sondern auch für umfangreiche wissenschaftliche Forschungen. Neben Eisbären kann man, wenn der Winter kommt, hier auch Polarfüchse und Schneehühner beobachten, allerdings gibt es keine Garantie dafür. Man besucht hier keinen Zoo, sondern die wilde, ursprüngliche Natur. Und so haben wir am ersten Tag auch nur bedingt Glück auf unserer sechsstündigen Buggytour und sehen lediglich zwei Eisbären in etlicher Entfernung. Nichtsdestotrotz hinterlassen die Tiere einen tiefen Eindruck bei uns. Wir wollen mehr – und werden am nächsten Tag die Möglichkeit dazu haben. Zurück im Ort besuchen wir noch das Parks Canada Visitor Reception Centre im Bahnhof der VIA Rail und lassen uns mehr über Natur und Wildtiere sowie die Geschichte der Hudson’s Bay Company erzählen. Danach werden wir im Itsanitaq Museum in die frühe Geschichte der Region entführt und lernen über das Leben der Ureinwohner. Für die Geschichte der Europäer in Churchill steht die St. Paul’s Anglican Church, das erste in Fertigbauweise errichtete Gebäude in Nordamerika, das heute unter Denkmalschutz steht. Nach einem gehaltvollen Abendessen in der legendären Gypsy‘s Bakery and Restaurant fallen wir mit unzähligen neuen Eindrücken im Kopf erschöpft in unsere Betten. 

 

 

 

Der nächste Tag beginnt bereits auf der Fahrt zu den Tundra Buggies mit der ersten Eisbärensichtung. Da wir noch im normalen Shuttlebus sitzen, steigt der Adrenalinspiegel sprunghaft an, als ein Eisbär gute 200 Meter von uns entfernt hinter einem Busch kauert. Umso froher sind wir, als wir wenig später wieder den sicheren, zweieinhalb Meter hohen Buggy erklimmen. Anscheinend ist an diesem Tag Rush Hour an der Bucht. Mehrere Eisbären kreuzen in den folgenden Stunden unseren Weg, einige inspizieren sogar neugierig unser Gefährt. Die Kameras klicken ohne Pause. Auge in Auge mit Eisbären in freier Wildbahn – angesichts ihrer eindrucksvollen Erscheinung fühlt man sich sofort sehr klein und unbedeutend. Natürlich kommt hier und da auch die Frage auf, wie es um den Fortbestand der Tiere steht. Gefriert das Eis wirklich immer später? Können die Eisbären noch Nahrung finden? Unsere Guides kennen die Antwort nicht. Hier oben ist alles noch einigermaßen im Gleichgewicht, erklären sie uns. Andernorts scheint es dagegen tatsächlich nicht so gut auszusehen. Doch dafür gebe es hier auch das Forschungszentrum. Niemand bestreitet, dass in Churchill heute bereits weniger Eisbären als vor zehn Jahren zu finden sind. Das Eis gefriert später, die Jagdsaison der Bären wird immer kürzer. Laut der Schutzorganisation Polar Bears International werden die Eisbären gegen Mitte des Jahrhunderts wahrscheinlich sogar von den Ufern der Hudson Bay völlig verschwunden sein. Kann dies vermieden werden, kann der Mensch Gegenmaßnahmen ergreifen? Eine Antwort auf diese Fragen bekommen wir nicht. Ist der Tourismus mit Schuld an dieser Entwicklung? Im Gegenteil, wird uns gesagt, denn der trage im Endeffekt dazu bei, dass die Öffentlichkeit besser über den Lebensraum und die Probleme der Eisbären aufgeklärt wird. Und es wird nie zum Massentourismus kommen – dafür sei eine Reise nach Churchill einfach zu exklusiv. 

 

Einen Eisbären in freier Wildbahn zu sehen, ist ein unvergleichbares Erlebnis. Als ich von der sicheren Plattform am Heck des Buggies direkt in die Augen eines dieser mächtigen Tiere nur einen halben Meter unter mir blicke, kullern mir unweigerlich Tränen über das Gesicht. Ich bilde mir ein, Trauer in diesen Augen zu sehen. Was kann ich persönlich unternehmen, um diese eindrucksvollen Kreaturen vor dem Aussterben zu bewahren? Das hier ist kein Film, kein Bild in einer Zeitschrift, kein Zoogehege. Das ist die Tundra im Norden Manitobas. Tiefe Ehrfurcht erfüllt mich, als der Bär sich umdreht und langsam wegtrottet. Seine Augen werde ich nie vergessen. Und eine Reise wie diese gibt es kein zweites Mal...

 

 

 

 

INFOS

 

Aufgrund der Abgelegenheit sollte ein Besuch in Churchill am besten über einen Reiseveranstalter erfolgen. Wir waren mit Frontiers North Adventures im hohen Norden. Der Vorteil: An- und Abreise ab Winnipeg, Übernachtungen, Mahlzeiten, Tundra Buggy und andere Aktivitäten werden komplett angeboten und gebucht. Da die Reise grundlegend kostenintensiv ist, lässt sich hier im Vergleich zur individuellen Reiseorganisation der ein oder andere Dollar sparen.

 

Frontiers North Adventures: frontiersnorth.com


Beispiel: Tour „Churchill Town and Tundra Enthusiast“ mit Frontiers North von September bis November. 6 Tage mit Flug ab Winnipeg nach Churchill, Unterkunft, 3 Mahlzeiten am Tag, Museumsbesuch, Ortsführung, 2 Tage Tundra Buggy, Hundeschlittenfahren und Flug zurück nach Winnipeg ab CAN$ 5.299,- – siehe Frontiers North Adventures.

 

Specials: RAW:Churchill. Kulinarisches Pop-up Restaurant-Erlebnis in der Prince of Wales Fort National Historic Site mit Chefkoch Mandel Hitzer. Einzigartig und sehr exklusiv.

 

Tourismusbüro Churchill: everythingchurchill.com

Travel Manitoba: www.travelmanitoba.com

 

 

 

Weitere Aktivitäten und Sehenswürdigkeiten:

 

Churchill Polar Bear Alert Program: Teil dieses gegenseitigen Schutzprogramms ist der „Bärenknast“ nahe des Flughafens. Hier kann man mehr darüber nachlesen (Englisch). 

 

„Miss Piggy“: Das Frachtflugzeug der Lamb Air stürzte hier 1979 wegen Triebwerksproblemen ab und landete zwischen Felsen außerhalb Churchills, wo es bis heute zu besichtigen ist. Hier gibt es mehr Informationen zu dem Flugzeugwrack (Englisch). 

 

Der verlassene Spielplatz am Waldrand außerhalb der Stadt: Weit und breit keine Häuser und definitiv nicht bärensicher. Wer hier wohl auf die Idee kam, Schaukeln, Wippen und ein Karussell aufzustellen? Höchstwahrscheinlich ein Überbleibsel aus der Militärzeit des Ortes. 

 

Ebenfalls ein guter Foto-Spot ist die verlassene Radarbasis auf dem Weg Richtung Forschungszentrum und Buggies. Hier hatten wir übrigens auch Eisbärenkontakt (siehe Artikel). 

 

Hundeschlittenfahrten: Am besten mit Wapusk Adventures, etwas außerhalb des Orts. 

 

 

Cape Merry Battery: www.mhs.mb.ca

 

Prince of Wales Fort National Historic Site: www.pc.gc.ca

 

Itsanitaq Museum: Das „Eskimo-Museum“ 

 

 

St. Paul’s Anglican Church: www.gov.mb.ca

 

Parks Canada Visitor Reception Centre: www.pc.gc.ca

 

Northern Studies Centre: www.churchillscience.ca

 

Postamt von Churchill: Hier kann man sich einen Stempel in den Reisepass machen lassen. Ein beliebtes und kostenloses Souvenir aus dem hohen Norden!

 

Gypsy‘s Bakery and Restaurant: www.gypsybakery.ca

 

Tundra Inn Hotel, Dining Room & Pub: www.tundrainn.com

 

Belugawale: Im Sommer kann man vor der Küste Churchills mit Belugas tauchen oder schwimmen gehen. Ebenfalls ein einzigartiges Naturerlebnis! Siehe Frontiers North Adventures.

 

Anreise: z.B. mit Air Canada nach Winnipeg, Manitoba, dann weiter per Flugzeug nach Churchill.

 

Beste Reisezeit: 

Für Eisbären: Juli bis November; wenn die Hudson Bay zugefroren ist (meist Anfang Dezember), sind die Eisbären weg.

Für Belugawale: Juni bis August.

Für Nordlichter: Januar bis März und August bis Oktober.

Im Spätsommer / Frühherbst stehen die Chancen am besten, sowohl Eisbären und Belugas als auch Nordlichter zusehen.

 

 

Vielen Dank an Travel Manitoba, Destination Canada, Air Canada und Frontiers North Adventures, ohne deren Unterstützung dieser Artikel nicht möglich gewesen wäre!

 

 

Auf Facebook teilen
Auf Twitter Teilen
Please reload

Weitere Artikel:

Farbenfrohe Herbstzeit in Utah

02.09.2019

Drei Americana-Musikfestivals in Tennessee

31.08.2019

Philadelphia: „Knasturlaub“ mal anders

30.08.2019

1/10
Please reload

  • Vimeo Social Icon

© 2016/2018 die denkbar/RoadTrip, München, Deutschland, wg@roadtrip.cc