Ski the East - eine Skisafari durch Québec

Mit dem Winter kommt auch der Wunsch nach Skiabenteuern in fernen Ländern. Wenn wir eines Tages wieder reisen können, die Grenzen wieder geöffnet sind und die Ansteckungsgefahr gesunken ist, wird aus dem Wunsch sicherlich auch wieder Wirklichkeit. Ein denkbare Alternative zu den langen Flügen in die Rocky Mountains ist dann die Ostküste Kanadas. Der Flug von Frankfurt nach Montréal dauert gerade einmal 8 Stunden. Zum Vergleich: nach Calgary oder Vancouver sind es gut 3 Stunden mehr.


Natürlich bietet die Ostküste bei weitem nicht das hochalpine Ambiente der Rockies, doch Wintersportler kommen auch hier auf ihre Kosten: Piste, Tour, Langlauf, Schneeschuh, Snowmobil und sogar Heliskiing sind durchaus auch zwischen Mont-Tremblant und der Gespésie-Halbinsel möglich. Genau dorthin zog es uns vergangenen Februar, kurz bevor der Corona-Wahnsinn losging. Ein Skisafari durch Québec, die eines Tages vielleicht im Katalog eines Reiseveranstalters zu finden sein ist. Denn an der Ostküste Kanadas gibt es neben viel Schnee und Spaß auch jede Menge Kultur und Gastfreundschaft, die einen Urlaub perfekt machen.


© Tremblant


Bienvenue au Quebec!

Es ist Mitte Februar, im Jahr 2020. Die Medien berichten seit einigen Tagen verstärkt von einem neuen Virus aus China. Gerade waren wir noch auf der großen Sportartikelfachmesse ISPO in München. Alles schien wie immer, niemand war sonderlich besorgt. Nach einem angenehmen Flug mit Air Canada sammeln wir unser Gepäck ein und gehen vor die Tür. Es ist 19 Uhr und hat knackige -18 Grad. Willkommen im Winter, willkommen in Montréal, der zweitgrößten Stadt des Landes nach Toronto, gelegen am Sankt-Lorenz-Strom im südlichen Teil der Provinz Québec. Obwohl die Multikultistadt viel zu bieten hat, haben wir dieses Mal keine Zeit für sie. Unser für die Skisafari gemieteter Kleinbus wartet bereits, um uns in das 130 km entfernte Mont-Tremblant zu bringen. Der Skiort gleich neben dem gleichnamigen Nationalpark ist die erste Station unserer etwas ungewöhnlichen Reise: Einer Skisafari quer durch Québec. Ob die Provinz hierfür die richtige Destination ist, werden wir in der nächsten Woche herausfinden. Eines ist sicher: Es ist kalt und hat jede Menge Schnee. Vorbei an haushohen Schneehalden geht es über verschneite Landstraßen durch die Nacht Richtung Norden.



Mont-Tremblant

Nach rund eineinhalb Stunden erreichen wir Mont-Tremblant. Der Ort, in den schon Ende der 1930er Jahre Skifahrer pilgerten, wurde in seiner heutigen Form 1991 von Intrawest erschlossen, einem großen Konzern, dessen Skigebiete in der Regel nicht natürlich gewachsen sind, sondern auf dem Zeichenbrett entwickelt wurden. Entsprechend erinnert der Ort Mont-Tremblant am Fuße des gleichnamigen Berges einer großen, autofreien Ferienanlage, was allerdings für einen Urlaub nicht von Nachteil ist: Alles ist zu Fuß erreichbar. Wohnt man nicht in einem der Ski-in/Ski-out-Hotels im oberen Ortsteil, steigt man einfach in die Cabrio-Gondelbahn, die von der Talstation quer durch den Ort zu den Parkplätzen führt. Der historischen Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, dass Intrawest das Resort 2018 an ein anderes Unternehmen, Alterra Mountain, verkauft hat. Alterra besitzt 14 Skigebiete in Nordamerika, ist Herr über CMH Heliskiing und Herausgeber des „IKON“ Verbundskipasses.


© Tremblant


Mont-Tremblant liegt in den Laurentiden, einer Bergkette nördlich von Montréal, die Teil des Kanadischen Schildes ist – raues, felsiges Gelände, das durch mehrere Eiszeiten geformt wurde. Aufgrund der vielen Berge befinden sich in den Laurentiden bis zu 40 kleinere Skigebiete. Vielen bekannt als Austragungsort des Freestyle Ski Moguls World Cup, ist das größte Gebiet der Region, Tremblant, auch Heimat des kanadischen Alpinskirennläufers Erik Guay und seit 2001 Bühne des vom ehemaligen Formel 1-Fahrer Jacques Villeneuve ins Leben gerufenen Wohltätigkeitsrennens „24h Tremblant“. Abgesehen vom Skigebiet ist der Ort aber auch wegen des benachbarten Parc national du Mont-Tremblant bekannt. Er ist der älteste Nationalpark in Québec und mit 1.510 km² der größte in der Provinz. Um die Umgebung besser zu überblicken, gönnen wir uns einen kurzen Flug mit Héli-Tremblant. Im viersitzigen Hubschrauber, der auf einem zugefrorenen See auf uns wartet, geht es einmal über das Resort, die Pisten und Saint-Jovite, den größten und ältesten, ursprünglichen Teil der Gemeinde. Für rund CAN$ 100 pro Person ist man gerade einmal 10 Minuten in der Luft, aber die Pisten, die Orte und den Nationalpark einmal aus der Vogelperspektive zu sehen, ist diesen kleinen Luxus wert. Nach der Rückkehr geht es zum Entspannen in das Skandinavische Spa, bevor wir uns im Restaurant des Hotels Fairmont Tremblant mit exzellenter Québecer Küche für den nächsten Tag stärken. Auf dem Weg zurück ins Zimmer diskutieren wir, was es wohl mit diesem neuen Virus auf sich hat. Nur wenig nachdenklich gehen wir schlafen. Noch ist sich keiner in der Gruppe bewusst, dass dies wohl die letzte Reise für eine lange Zeit sein könnte...


Tremblant aus der Luft © Wolfgang Greiner


Tremblant ist das größte Skigebiet in ganz Québec. Im Mittelpunkt steht der Mont-Tremblant, der mit insgesamt 14 Liften erschlossen ist. Von 102 markierten Pisten sind 49 als „very difficult“ eingestuft, 31 sind „difficult“ und 22 „easy“. Grundlegend ist das ganze Gebiet aber ein Traum für Pistencarver. Wenn es frisch geschneit hat, sollte man früh aufstehen und die unpräparierten schwarzen Pisten an der Nordseite fahren. Trotz seiner überschaulichen Höhe von gerade einmal 968 Metern macht der Berg einiges her. Und das nicht nur skifahrerisch: Neben den vielen Restaurants und Bars im Ort, die von der Talstation aus alle fußläufig zu erreichen sind, gibt es am Gipfel ein typisch nordamerikanisches Selbstbedienungsrestaurant. Ein kleines Juwel ist die versteckt im Wald neben der schwarzen Abfahrt namens Laurentienne gelegene „Le Refuge“, eine urige Berghütte, in der es jeden Tag ein anderes kleines, feines Speisenangebot gibt. Nicht selten greift hier auch der Wirt zur Gitarre und sorgt für Stimmung. An manchen Tagen werden Fondue-Abende angeboten. Zur Wahl stehen die bequeme Fahrt mit dem Pistenbulli oder der Aufstieg mit Guide und Schneeschuhen. Apropos Guide: Tagsüber sind überall im Skigebiet freiwillige Einheimische anzutreffen, erkennbar am großen Fragezeichen auf dem Rücken. Wer sich verfahren hat oder die besten Pisten sucht, kann sich jederzeit an sie wenden. Ein toller Service, den man sich auch in den Alpen vorstellen könnte...


Nach zwei angenehmen Skitagen packen wir unsere Sachen und verabschieden uns – nicht ohne ausgiebige Bierprobe in der Microbrasserie La Diable am frühen Abend – von Mont-Tremblant. Unser nächstes Ziel heißt Québec City. Müde vom Skifahren, Craft Beer und Poutine, dem wohl bekanntesten Québecer Gericht bestehend aus Pommes, Käse und Bratensoße, lassen wir uns vom Fahrer unseres Busses in die rund dreieinhalb Stunden entfernte Hauptstadt der Provinz kutschieren.



Québec City

Die Lage von Québec City an einer Flussenge des Sankt-Lorenz-Stroms und an den Ausläufern der Laurentinischen Berge, aus denen wir gerade kamen, ist geradezu perfekt für die unterschiedlichsten Aktivitäten zu jeder Jahreszeit. Dazu kommt die Geschichte der Stadt, die vor allem von den Machtkämpfen zwischen den Franzosen und den Engländern im 17. und 18. Jahrhundert geprägt ist. Neben den berühmten Plains of Abraham, auf denen 1759 die entscheidende Schlacht stattfand, den von der UNESCO als Welterbe anerkannten Befestigungsanlagen, der Altstadt Vieux Québec oder dem ikonischen Hotel Château Frontenac, hat Québec City vor allem viel Kunst und eine hervorragende Küche zu bieten. Apropos Hotel: Wer auf jeglichen Luxus verzichten kann und das Besondere sucht, der sollte das Hôtel de glace ausprobieren. Von Januar bis März bietet das aus mehreren Zehntausend Tonnen erbaute Eishotel Unterkunft, Bar und sogar eine Hochzeitskapelle an.


Das Wahrzeichen der Hauptstadt: Das Chateau Frontenac © Wolfgang Greiner


Québec City ist der ideale Ausgangspunkt, um zwei der wichtigsten Skigebiete der Umgebung zu besuchen: Mont-Sainte-Anne, gut 35 km nördlich der Stadt gelegen, und Le Massif du Charlevoix, noch einmal rund 50 Kilometer weiter Richtung Norden. Natürlich gibt es auch Unterkünfte in den Orten rund um die beiden Skistationen, doch tagsüber Skifahren und abends die Stadt erleben ist ein Plan, der durchaus Sinn und Spaß macht. Unsere Gruppe genießt das luxuriöse Ambiente des ehrwürdigen Château Frontenac, in dem nicht nur Céline Dions Karriere begann, sondern neben zahlreichen Royals und Filmstars auch schon Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill genächtigt haben. Ob sie alle in auch in den Genuss des Carnaval de Québec kamen, wissen wir nicht. Wir sind zufälligerweise an einem der letzten Tage dieser seit 1894 veranstalteten Feier in der Stadt und erkunden die Eisresidenz des „Bonhomme“, dem offiziellen Botschafter des größten Winterkarnevals der Welt, üben Zielwurf mit Äxten, lutschen an gefrorenem Ahornsirup am Stiel („Tire d'érable“) und lauschen Livebands, die – ob der eisigen Temperaturen von locker -20° C – auf beheizten Bühnen hinter Glas spielen. Für das Publikum gibt es heiße Getränke und ein Mini-Eishockeyfeld zum Aufwärmen. Es ist ein unbeschwerter Abend in Québec City, der seine Fortsetzung am Tag darauf auf der Piste findet. Da unsere Skisafari mit nur sechs Tagen extrem knapp bemessen ist, lassen wir Mont-Sainte-Anne links liegen und fahren noch weiter hinein in die Region von Charlevoix.



Le Massif de Charlevoix

Aufgrund ihrer zahllosen Berge, zweier Nationalparks, vieler reizvoller Dörfer und der Lage am mächtigen St. Lawrence River kann man leicht verstehen, warum Charlevoix vor allem im Sommer ein sehr beliebtes Reiseziel für Einheimische wie auch internationale Besucher ist. Im Winter dagegen ist die Region international eher noch ein Geheimtipp, doch der Bau einer großen Club Med-Anlage am Fuß des Skigebiets von Le Massif de Charlevoix direkt am Ufer des Flusses lässt erahnen, dass man sich erhofft, in Zukunft auch im Winter bekannter zu werden. Gründe hierfür gibt es genug: Als UNESCO Weltbiosphärenreservat steht hier die Natur im Vordergrund und mit ihr die unterschiedlichsten Outdoor-Aktivitäten für jeden Geschmack.


Blick von der Piste auf den angefrorenen Sankt-Lorenz-Strom © Wolfgang Greiner


Angekommen am Parkplatz der „Talstation“, fragen wir uns, wo denn hier die Berge sind, und merken schnell: Le Massif ist „upside down“, verkehrt herum. Man steigt ganz oben in das Skigebiet ein und fährt zunächst den Berg hinunter zum Flussufer des Sankt-Lorenz. Und genau das macht Le Massif so speziell: Die allgegenwärtigen Ausblicke auf den teilweise gefrorenen Strom, der langsam nach Süden fließt und auf seinem Weg Eisschollen am Ufer ablädt, die sich dann zu gefrorenen Wellen türmen. Dazu kommen 57 Pisten, die wie Bänder durch den Wald führen, und fünf Lifte, darunter eine 8er Gondel (nicht mitgezählt: ein Übungshang am Parkplatz). 18 der Pisten sind schwarz („Diamond“), sechs mit „Double Diamond“ bewertet, eine sogar mit „Triple Diamond“. Dies liegt am teilweise wirklich steilen Gefälle und vielleicht sogar an der schnellen Bildung von Buckeln, wenn einmal zwei oder mehr Tage kein Neuschnee gefallen ist. Im letzteren Fall sollte man auch die Glades meiden – die Offpiste-Routen („Secteur Hors-Piste“) durch den Wald zwischen dem Skigebiet und der 7,5 km langen Rodelpiste an der Nordgrenze des Resorts. An Powdertagen sind diese allerdings ein wahrhaftiger Traum für Freunde des Tree Skiings. Nach einigen schneelosen Tagen kann man aber nur noch die eigene Buckel-Baum-Koordination austesten. Le Massif bietet übrigens sogar einen Rekord für alle Skigebiete östlich der Rocky Mountains: Mit 770 Metern den größten Höhenunterschied, der von einem Lift bedient wird. Nicht schlecht für einen Berg mit gerade einmal 806 Metern Höhe. Und allen Zweiflern zum Trotz: Ja, zugegebenermaßen wird man hier nicht eine ganze Woche verbringen wollen. Ein Tag in Le Massif hinterlässt aufgrund des außergewöhnlichen Panoramas jedoch einen Eindruck, den man sein Leben lang garantiert nicht vergisst. Und sollte es gerade Neuschnee haben, bleibt man gerne auch noch den ein oder anderen Tag länger...


Jede Abfahrt führt scheinbar direkt in den Fluss © Wolfgang Greiner


Nach unzähligen Fotos, vielen Bindungsauslösungen in den extrem buckligen Glades und jeder Menge langer Carvingschwünge belohnen wir uns mit einem Bier an der Bar der Lodge am Parkplatz und steigen dann wieder in unseren Bus zurück nach Québec City. Es wird ein kurze zweite Nacht in der Haupstadt, denn am Tag darauf geht es am Südufer des Sankt Lorenz gut 500 Kilometer nach Osten auf die Gaspésie-Halbinsel, der letzte Skistopp auf unserer Tour durch Québec.



Gaspésie & Les Monts Chic-Chocs

Es ist eisig kalt, als wir um 5 Uhr morgens in den Bus steigen. Winzige Schneeflocken rieseln vom Himmel, der Himmel ist grau und liegt schwer über Québec City. Nach einem kurzen Anruf in Deutschland ist klar: Covid-19 wird langsam zu einem ernstzunehmenden Thema. Es gibt bereits Infizierte in Deutschland, alle wurden isoliert und sind in Behandlung. Auch werden erste Maßnahmen an den Flughäfen umgesetzt, noch betreffen sie allerdungs nur Reisende aus China. Während unser Kleinbus über den schneebedeckten Highway Richtung Gaspésie fährt, sprechen wir zum ersten Mal darüber, ob man sich Sorgen machen sollte. In ein paar Tagen am Flughafen in Montréal vielleicht, aber nicht für den Moment: Die nächsten Tage werden wir sozial extrem distanziert sein, ja fast isoliert: In den Chic-Chocs, einem nördlichen Ausläufer der Appalachen, der sich über die gesamte Halbinsel erstreckt, gibt es gerade einmal zwei Unterkünfte. Hat man die Uferstraße in dem kleinen Ort Sainte-Anne-des-Monts an der Nordküste der Gaspésie verlassen und taucht in die Berge, den Parc national de la Gaspésie und die Réserve faunique des Chic-Chocs ein, ist man ganz weit weg vom Weltgeschehen. Im Carounde Ski Shop in Sainte-Anne leihen wir uns breite Tourenski mit Pin-Bindung, neueste Dynafit-Tourenschuhe und LVS-Ausrüstung, denn ab jetzt heißt es „Earn your turn“. In den Chic-Chocs gibt es so gut wie keine Lifte. Zwar werden an einigen Orten Cat Skiing und sogar Heliskiing angeboten, doch nicht im Nationalpark. Während die Schneeberge links und rechts der Straße immer höher werden und die Sonne langsam wieder untergeht, kommen wir endlich an der Gite du Mont Albert am Eingang zum Nationalpark an. Sie ist neben der Auberge de montagne des Chic-Chocs die einzige Möglichkeit, direkt in den Bergen zu nächtigen.


Am Südufer des Sankt-Lorenz-Stroms auf der Gaspésie-Halbinsel © Roger St-Laurent/Québec Maritime


Der nächste Morgen ist kalt, kälter als je zuvor. Das Thermometer im Besucherzentrum des Parc national de la Gaspésie zeigt -26 Grad – Windchill nicht mit eingerechnet. Unsere einheimischen Guides, Guillaume und Philip, geben uns eine erste Einweisung in die Region und ihre Besonderheiten. Vielleicht sehen wir Elche, wenn wir unterwegs sind. Immerhin gibt es hier statistisch 3,5 der mächtigen Tiere pro Quadratkilometer. Und vielleicht müssen wir unsere Lawinenausrüstung benutzen. Die Gruppe ist sich der Gefahr bewusst und weiß, wie man mit dem LVS, Sonde und Schaufel umgeht. Schnell bekommt jeder noch eine Thermoskanne mit Tee und ein paar Heat Pads für die Handschuhe. Dann geht es aufs Schneemobil. Der Einstieg zu unserer ersten Tour liegt in einer alten Minengegend, den Mines Madeleine, gut 40 Minuten entfernt. Es ist windig geworden. Mit dem zusätzlichen Fahrtwind schätzt Guillaume, dass es -40 Grad hat. Die Batterie der GoPro quittiert nach 10 Minuten ihren Dienst. In den Mines Madeleine angekommen, sind wir steifgefroren. Eine Hütte macht Hoffnung auf einen warmen Ofen, doch Philip muss uns enttäuschen: Sie ist übers Wochenende privat vermietet. Da hilft nur Bewegung. Der Schritt vom Snowmobil in den Schnee stellt sich als Fehler heraus: Sofort versinke ich bis zum Bauchnabel. Guillaume und Philip beschließen, die Tour zu canceln. Zwar sehen die Berge rund um die Mine mit ihren breiten Hängen und Bowls über der Baumgrenze einladend aus, doch das Lawinenrisiko ist hoch und es ist vor allem zu kalt. Die Guides beschließen, zu einem anderen Spot zu fahren. Von dort können wir mehrere Aufstiege durch den Wald machen und haben dennoch einigermaßen lange Runs.


Skitour in den Chic-Chocs bei Eiseskälte © Wolfgang Greiner


Es geht zurück aufs Schneemobil, noch einmal 20 Minuten auf eingeschneiten Wegen durch den Wald. Endlich angekommen, sind nicht nur unsere Knochen gefroren. Selbst die Felle bekommen wir kaum auseinander. Endlich fertig und aufgefellt, steigen wir auf. Es geht gut zweieinhalb Stunden durch den Wald, dann über eine alte Lawinenschneise, dann weiter durch die Bäume. Dann sind wir endlich oben angekommen. Obwohl der Wind im Wald deutlich abgeschwächt wird, ist es immer noch frostig. Es ist ein einmaliges, beeindruckendes Erlebnis, auch wenn wir keinen Elchen begegnen. Nach einer kurzen Pause am höchsten Punkt des namenlosen Berges ziehen wir schnell die Felle ab und schließen die Bindungen. Der Wind frischt wieder auf. Gullaume schätzt, dass es nun unter -45° hat. Die ersten Schwünge verheißen Gutes: Leichter Powder, keinerlei Spuren. Ich schreie vor Freude, auch wenn die tiefgefrorenen Haare meines Bartes dies kaum ermöglichen. Auf der Hälfte der Abfahrt hole ich die Kamera unter der Jacke hervor. Nach vier Fotos geht nichts mehr. Game over für den Akku. Ich erwäge kurz, die Ersatzakkus auszupacken, doch es ist kalt, der Schnee ist tief, das Risiko hoch. Ich beschließe widerwillig, einfach nur zu genießen und schiebe wieder an. Vier Minuten später stehe ich bereits an den Schneemobilen. Es war eine kurze Abfahrt, aber sie war wie kaum eine zuvor. Einer nach dem anderen kommt die Gruppe unten an. Wir geben High Five und sind zufrieden. Guillaume sieht auf sein Thermometer, dann auf die Uhr. Das war's. Wir schaffen keine zweite Tour, es ist zu kalt und es wird bereits spät. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll.


Powdern abseits der Zivilisation © Jeff Bartlett / Québec Maritime



Zurück im Hotel feiern wir im Schatten des mächtigen Mont Albert einen außergewöhnlichen Tag und eine insgesamt gelungene Skisafari. Wir hätten uns mehr Touren gewünscht, mehr Zeit, weniger schlechte Nachrichten aus der Welt. Aber es war etwas Neues, nicht ganz Alltägliches. Wir sind echte Fans des Ostens geworden, seiner Berge, seiner Menschen, seiner Küche. Vielleicht steht unsere Reiseroute ja eines Tages in einem Katalog. Bis dahin bleibt sie unser Geheimtipp – ganz sicher bis zu jenem Tag, an dem wir endlich wieder reisen dürfen. Denn als wir zwei Tage später in Deutschland am Flughafen stehen, werden wir mit der Realität konfrontiert. Bald darauf geht es in den ersten Lockdown. Den Rest der Geschichte kennen wir alle...


Die tief verschneite Gite du Mont Albert © Wolfgang Greiner


INFOBOX


Québec ist die flächenmäßig größte Provinz Kanadas. Mit ihrer Sprache, Kultur und Institutionen stellen die Frankokanadier eine eigenständige nationale Gemeinschaft dar. Die Hauptstadt ist Québec City, die größte Stadt Montréal. Mit Englisch kommt man in den Touristenzentren, Hotels, Läden und Skistationen gut über die Runden, Französisch ist natürlich von Vorteil.


Reiseinformationen:

www.bonjourquebec.com


Regionale Informationen:

Skigebiet Mont-Tremblant: www.tremblant.ca

Region Laurentiden: www.laurentides.com

Héli-Tremblant: www.heli-tremblant.com

Québec City: www.quebec-cite.com

Region Charlevoix: www.tourisme-charlevoix.com

Skigebiet Le Massif: www.lemassif.com

Fairmont Hotels: www.fairmont.com

Chic Chocs: www.quebecmaritime.ca/en/chicchocs/

Gaspésie Nationalpark: www.sepaq.com/pq/gas/


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