Wo Fremde Freunde sind

12.10.2017

Die Landung in Penticton im Okanagan Valley British Columbias ist ein wenig wie die Ankunft auf einem dekorativen Platzdeckchen. Zwischen dem Okanagan- und dem Skaha-See gelegen, zieht alleine die physische Attraktivität der Region die hierher pilgernden Naturfreunde in ihren Bann. Egal, welche Stimmung man hat, die Landschaft nimmt einen schnell ein. Und es ist auch einfach, die interne Uhr auf Penticton-Zeit umzustellen: gemütliches Frühstück in einem Café am See und dabei Vögel und Enten beobachten, entspannte Nachmittage in Kunstgalerien, lange Abende mit Weinverkostung in den Weinbergen.

 

Okanagan Valley © Chris Mason Stearns

 

Wie mir einmal ein weiser Mann sagte: Je mehr man sich auf eine Landschaft einlässt, desto schneller wird man ein Teil von ihr. Die Kettle Valley Steam Railway bietet eine Fahrt mit einer Dampflokomotive aus dem Jahr 1912 an. Diese 90-minütige Fahrt führt entlang des Sees und durch die fruchtbaren Obstgärten und Weinberge, mit deren Bilder ein Fotograf ein ganzes Stadion schmücken könnte. Ist man einigermaßen fit, kann man diese Strecke auch mit dem Fahrrad entlangfahren und die Landschaft noch langsamer erkunden. Die beste Art jedoch, mit der man den besten Eindruck eines Ortes gewinnen kann, ist die Vogelperspektive – am besten mit einer sogenannten Helikopterwanderung.

 

 Helihiking © Destination BC

 

Bei einer Heliwanderung nutzt man einen Hubschrauber, um an schwer zugängliche Orte zu gelangen. Nach dem Flug macht man eine geführte Wanderung auf einen Berg (bis man wieder vom Heli abgeholt wird) oder eine längere Tour zurück ins Tal. Und so besteigen sechs Personen im Alter von sechzehn bis achtzig Jahren am Flughafen Penticton einen HNZ Topflight. Die Anweisungen sind kurz und klar: beim Ein- und Aussteigen in die Hocke gehen, um die Rotoren zu vermeiden, immer von vorne – nie von hinten – annähern. Wir bekommen Headsets, sonst wäre der Lärm der Maschine nicht zu ertragen, und platzieren die Mikrofone vor dem Mund. Dann hebt der Hubschrauber ab.

 

Die ersten Minuten nach einer Landung auf einem Berg in der Wildnis sind immer etwas surreal. Die Ausblicke über das Okanagan Valley machen alle sprachlos. Der uns begleitende Geologe erklärt währenddessen die Entstehungsgeschichte dieser unglaublichen Landschaft. Aus dieser Perspektive fällt es nicht schwer, sich das Gebiet zur Eiszeit vorzustellen, bevor die sich zurückziehende Eismasse fruchtbare Böden und Seen hinterließ. Eine Landschaft, die in der Neuzeit seit langem Künstlern, Dichtern und Schriftstellern als Muse dient. Von hier oben begreift man auch die wahre Größe des Landes. Im Okanagan liegen 82 Prozent aller Weingärten der Provinz British Columbia. Da die Region verschiedene Boden- und Klimabedingungen hat, ist sie für den Anbau unterschiedlichster Rebsorten ideal. Welch glücklicher Zufall, dass in den nächsten Tage Weinverkostungen auf dem Programm stehen.

 

 

 Weinland Okanagan Valley © Andrea Johnson

 

Oben am Berg lohnt es sich auch, eine Art bifokale Wahrnehmung zu entwickeln: die großen Dinge genießen, aber genauso auf die kleinen achten. Massive Felsblöcke, daneben scheinbar fragile, wie gefalztes Papier aussehende Steinplatten. Die Zerbrechlichkeit der kleinen Blüten, die gen Himmel sprießen. Nach der halbstündigen Wanderung kommt der Hubschrauber zurück und holt uns ab. Auf dem Rückflug ist niemand mehr nervös. Jeder fühlt sich angesichts der überwältigenden Natur klein und unbedeutend. Und dankbar für dieses außergewöhnliche Erlebnis.

 

Müsste ich Penticton kurz und knapp charakterisieren, käme mir nur eines in den Kopf: Während man allgemein sagt, dass Menschen einen Ort ausmachen, so ist es hier andersherum: Hier macht der Ort die Menschen aus. Denn in diesem Teil der Welt, wo man immer wieder daran erinnert wird, dass wir nur Besucher auf diesem Planeten sind, sind Künstler noch immer Helden, Schriftsteller Götter (eine wundervolle Buchhandlung namens „The Bookshop“ liegt direkt auf der Hauptstraße Pentictons) und Fremde werden als Freunde willkommen geheißen – mit einer Wärme, von der ich nach meiner Abreise ein wenig mit nach Hause nehmen möchte...

 

 Die Schönheit des Okanagan Valley verzaubert... © Rohit Chauhan

 

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